Malky

Ich traf Malky eines Nachts in meinem Hostel in Tel Aviv. Sie war eigentlich auf der Suche nach ihrer Freundin, die an diesem Tag dort eingecheckt hatte. Die lag aber schon im Bett. Ich konnte nicht schlafen, deshalb hatte ich mich in der Lobby an den Rechner gehockt und war gerade am schreiben. Da sprach sie mich an. Sie hatte mich wohl verwexelt, aber nach ein bisschen Hin und Her, das von einigem Gelächter begleitet war, entschieden wir, die Nacht gemeinsam zu verbringen. Nein - eigentlich war das nichts bewusstes. Wir konnten einfach nicht aufhören, uns voneinander zu erzählen. Seitdem treffen wir uns regelmässig nachts und sind begierig, mehr voneinander zu erfahren.

Sie erzählt mir, dass sie in einer chassidischen Gemeinde in Brooklyn lebt, dort an einer Mittelschule für Mädchen unterrichtet und seit einem Jahr sehr glücklich verheiratet ist. Nachdem auch ich ihr meine Herkunft, Berufung und den Grund meines Aufenthalts in Israel offenbart habe, sind die Basix geklärt.

Wir reden über alles Mögliche: Über Jerusalem, von dem man sich erholen muss, wenn man erstmal wieder zu Hause ist. Über New York, wo ich noch nie war und das sie leidlich satt hat. Und wir lachen sehr viel dabei, ihr Humor ist unbekümmert und leicht.

Unsere Gespräche nehmen seltsame Wendungen: wir sprechen zum Beispiel von ihrem Viertel, und plötzlich erzählt sie mir von etwas, das sie 'Jüdische Intimität' nennt und nicht nur davon handelt, dass in einer chassidischen Ehe ausser Mann, Frau und Kind auch G'tt eine grosse Rolle spielt.

Nachdem wir schon stundenlang geredet hatten, fragt sie mich dann ganz unvermittelt:

Darf ich dir eine Frage stellen?
Ich sage: Na klar, schiess los!
Sie setzt nach: Bitte versteh mich nicht falsch, aber ich möchte das wirklich wissen. Ich wundere mich ein bisschen, was jetzt wohl kommt. Hätte seltsamerweise im Leben nicht mit dem gerechnet, was dann folgte, obwohl es doch ziemlich erwartbar ist - immerhin unterhielten sich da eine Jüdin und ein Deutscher: Was denkst du über den Holocaust?

Obwohl ich nicht darauf vorbereitet bin, muss ich nicht nachdenken:

Als ich siebzehn war, schenkte mir ein Freund eine Platte.
Es war eine Sammlung jiddischer Lieder.
Ich hörte sie mir an und diese Lieder besangen alles:
Lebenslust, Weisheit, Wut, tiefe Sorgen und Leid.

Wir sprechen natürlich auf englisch, deshalb suche ich nach passenden Worten. Malky schaut mich erwartungsvoll an, geduldet sich ne kleine Weile und fragt dann ganz gespannt:

Und? Was bedeutete das für dich?

Ich füge mich dem Umstand, dass ich auf die Schnelle keine besseren Worte finden werde und fahre fort:

Diese Musik transportierte all diese Stimmungen und Gefühle so authentisch, so eindringlich. Und ich erinnerte mich an das, was ich in der Schule gelernt hatte: Dass die Menschen, die das gedichtet, komponiert und gesungen hatten, alle von meinen Vorfahren ermordet worden sind. Und da musste ich heulen. Ich weinte tatsächlich.

Das ist mein Verhältnis dazu.
Auch heute noch.

Ich hatte sie die ganze Zeit über angesehen, aber erst jetzt, nachdem ich zuende gesprochen habe, merke ich, dass ihre Augen feucht geworden sind. Sie sagt nur leise: Wow.

Es entsteht eine nachdenklichen Pause. Dann will sie wissen, wie die Einstellung dazu in D-Land sei, wie das Gefühl, das Bild ist, das sie in den Schulen dort vom Holocaust vermitteln. Jetzt muss ich ein wenig überlegen, bevor ich antwortete:

Naja. Gefühl ist wohl das falsche Wort. Sie vermitteln dort hauptsächlich Fakten. Und dieses Thema wird an den meisten Schulen nicht nur einmal durchgenommen. Die Kinder lernen darüber in verschiedenen Fächern und in mehreren Klassenstufen. Unter anderem deshalb wollen viele irgendwannn nichts mehr davon hören. Das ist schlecht. Aber weisst du, sie hören dort auch nicht diese Lieder, sie lesen keine jiddischen Geschichten. Ich glaube, das ist ein grosser Fehler.

Malky nickt: I see

Ich fahre fort: Ich glaube, dass du nie wirklich einen Eindruck davon bekommen kannst, was verloren ist, wenn du nicht die Gedanken, den Geist kennenlernst, der lebendig war, bevor die Deutschen all das vernichtet haben.

Wieder nickt sie bestätigend, bevor sie die nächste Frage stellt. Natürlich ist ihr Köcher gefüllt: Wie ist heute in D-Land die allgemeine Haltung Juden gegenüber?

Was soll ich dazu sagen? Sie wirft ein: Sind wohl nicht viele Juden da, wie? Ich formuliere es mal vorsichtig: Ich denke, es gibt immer noch Antisemitismus in Deutschland. In ganz Mitteleuropa. Malky nickt: Das hatte ich mir schon gedacht. Aber, wende ich ein, zumindest die offizielle Haltung ist in dieser Frage unmissverständlich.

Und jetzt kommt die Frage, die ich mir selbst immer wieder stelle und auf die ich eigentlich nie eine wirklich zufriedenstellende Antwort gefunden habe: Kannst du mir erklären, wie es zu einem solchen Punkt kommen konnte - in einem solchen Ausmaß? Ich meine: Du bist ein netter Kerl und hast gesagt, dass dir angesichts der Geschichte die Tränen gekommen sind. Also - wie haben die Leute all das tun können? Das waren auch alles normale Leute! Ich bin sicher, dass die auch nett waren, sie liebten ihre Familien. Und sie waren so kultiviert. Wie ist das passiert?

Ich schüttele den Kopf, zucke hilflos mit den Schultern - was allerdings die Kultiviertheit der Mehrheit der Deutschen angeht, bin ich mir ganz und gar nicht sicher.

Sie erzählt von dem Buch 'Die Welle' und meint, dass sie nach der Lektüre zwar die Psychologie des Mobs vertanden habe, aber nicht, warum das Morden diese Ausmaße annehmen musste.

Hm, das Ausmaß. Ich denke, das konnte so nur in D-Land passieren. Weil sie dort perfekt sind. Ich meine: weil sie immer perfekt sein wollen. In allem. Das ist schlimm. Und weisst du was? Ich glaube, das kann jederzeit wieder passieren. Denn zumindest in dieser Hinsicht haben sich nicht wirklich geändert.

Malky schluckt: das ist ja schrecklich!

Die meisten haben nicht die geringste Courage, sind nur an ihrem eigenen kleinen Leben interessiert. Wenn der Nachbar verschwindet? Na und?

Malkys Augen weiten sich: Wow.

Und wenn ein Vorgesetzter sagt, sie irgendwohin zu bringen? Es ist mein Job, ich muss das machen.

Sie schaut mich ungläubig an: Und warum bist du anders?

Ich weiss gar nicht, ob ich das wirklich bin.

Sie macht seltsame Geräusche: uh oh und grinst erwartungsvoll, also erkläre ich: Wenn ich in dieser Zeit gelebt hätte, wer weiss wie ich gehandelt hätte? Denn die Nazis haben der Jugend viel geboten: da ging es um Rebellion gegen das Bestehende, um Abenteuer, Stärke, Macht. Es ist so leicht, sich dafür zu begeistern.

Sie nickt: Ja, ich weiss. Aber die Welt ist doch so viel toleranter und lässiger heute, und nicht mehr so auf Perfektion. Warum hat D-Land diesen Wandel nicht mitgemacht?

Naja, oberflächlich schon. Aber wenns hart auf hart kommt, dann - da bin ich fast sicher - werden sie wieder versagen.

Macht dir das nicht Angst?

Na klar! Aber das ist nur meine persönliche Sicht der Dinge. Wenn du jemand anderen fragst wird er dir sehr wahrscheinlich was anderes erzählen.

Wieder entsteht eine Pause, dann sag ich ihr: Ich mag D-Land nicht.

Sie schaut mich an und wirkt nun wieder sehr traurig.

Weil das aber so nicht ganz stimmt, ergänze ich: Ich meine, ich liebe die Landschaften und die Sprache, und einen Teil der Kultur. Ich kenne viele nette und liebenswerte Leute. Aber ich spüre immer dieses Ungeheuer unter der Oberfläche.

Warum geht es anderen Leuten nicht auch so wie dir?

Keine Ahnung. Aber einigen meiner Freunde geht es sicher ähnlich. Andere denken da gar nicht drüber nach, wieder andere glauben, sie hätten das alles überwunden und sehen sich selbst als aufgeklärt und gut. Das sind vielleicht die gefährlichsten.

Sie nickt nachdenklich: Ja, das glaub ich auch.

Nun ists wieder ne Weile still, dann seufzt sie: Wow.
Danke für deine Antwort.
Ich entgegne: Danke, dass du gefragt hast.

Sie stutzt, runzelt die Stirn und schaut mich fragend an.

Naja, ich hätte das Thema von mir aus erstmal nicht angesprochen, weil mir nicht klar war, wie du unterwegs bist. Aber das stand wohl die ganze Zeit zwischen uns.

Sie ist erleichtert: Und ich dachte genau das gleiche!

Ich lache entspannt: Siehste ...

Jetzt grinst sie mich an: Great minds think alike; fools never differ.

Und wieder muss ich lachen: Hehe - nice sentence!

2.2.06 00:58

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


"Malky" (9.2.06 00:45)
I showed this to my students. They were so enthralled by this. I've never had such an intersting lesson.
My student Malky especially was very much touched by this. She came to me after class to talk about it at length.
My younger class was hurt, but my older class was angry. They had a big debate on it.
Thank you so much for this coversation.
- "Malky"

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